Generatives Kopftheater mit demokratischem Design?

Ein Erklärungsversuch

von und

Power of Diversity. The Crossing Lines Project: generatives Theater
Power of Diversity. The Crossing Lines Project: generatives Theater

Das „Crossing Lines Project“ verfügt über eine Vielzahl inhaltlicher und geografischer Positionen, an deren Schnittpunkten eine ebenso diverse Bühnenaktion stattfindet. Der Nukleus der Aktion, PAN.OPTIKUM, ist zudem eine bedeutungsschwangere Wortkonstruktion: Laut Thesaurus rangeln hier Begriffe wie Synthese, Zusammenschau, Zusammenfügung und Vermittlung um die Wette. Für Gestalter, die schon früh den Satz „Design ist nicht demokratisch“ als DNA mit auf den Weg bekommen, ist die Suche nach einer passenden Strategie zur kollektiven Erstellung eines Aktionsreliktes folgerichtig nicht gerade einfach. Ich verstehe deshalb den einen oder anderen, der sich fragt, was denn eine egomane Position von Designern oder bildenden Künstlern im Rahmen eines gemeinschaftlich ausgerichteten europäischen Jugend-Tanz-Theater-Projektes zu suchen hat. Anders als noch in den 1970er Jahren sind gegenwärtig synergetische Innovationen zwischen Bühne und intentionaler Grafik Mangelware. Im Universum der darstellenden Kunst fallen Kommunikationsaufgaben heutzutage in der Regel sehr zweckgerichtet und funktional aus: Die Zeiten, in denen das Grafikdesign von Opern- oder Schauspielhäusern mit experimenteller Typografie und mutigen Bildwelten um die Gunst der Zuschauer warben, scheinen im celebrity- und bildergläubigen Medienzeitalter keine Rolle zu spielen. Doch die visuelle Krise ist auch eine hausgemachte Designsuppe, die durch den Gebrauch von zu viel geschmäcklerischer Gestaltungswürze entstanden ist. Bei vielen ernst gemeinten kulturellen Projekten sieht man die Anfälligkeit der visuellen Kommunikation für umfänglichen Opportunismus äußerst kritisch. In unserer Arbeit für das „Crossing Lines Project“ wollten wir deshalb dem verzweifelten Mantra zur Sinnfälligkeit des Grafikdesigns als tradierter geniebetonter Strategie kein neues Futter geben. Vielmehr war es uns wichtig, in einer Zeit, in der populistische Konzepte das Kollektive missbrauchen, ein Experiment zu wagen und im Kosmos des Darstellenden ein Kommunikationskonzept anzugehen, das weitab schnell gelernten Branding-BlaBlas oder deskriptiver Abbildungswelten funktioniert. Es galt außerdem, die gegenwärtige Melange aus elitärer Positionierung und immer stärkerer Verkaufsorientierung des Kommunikations- und Kunstmarktes außen vor zu lassen, denn die riecht an jeder Ecke nach schnöder Ökonomisierung. Was könnte also eine Form sein, die den Moment des Darstellens dokumentiert und gleichzeitig assoziativ bereichert? Nach gemeinsamem Gestaltungs-Headbanging, mit der oben erwähnten Geniealtlast im Gepäck, machten wir uns auf, am Anfang der Ideenfindung auf einen bildnerischen Gedankenkreuzweg, in dessen Verlauf wir das Genie zeitweise in einen kollektiven Dornröschenschlaf versetzen und unseren selbstreferentiellen Bedürfnissen einen Haken schlagen wollten. Als neutraler Instanz und virtuellem Spiritus Rector bedienten wir uns, wie könnte es in Zeiten von Bits und Bytes anders sein, einer Maschine, die als sogenannter Computer seit Jahrzehnten unser Leben mitbestimmt. Der Einsatz von Rechnern im kreativen Bereich ist freilich nichts Neues. Es gibt sogar einen naheliegenden Begriff dafür: Computerkunst.

Kommentar hinzufügen

Meistgelesene Beiträge

Alle

auf theaterderzeit.de

Theater-News

Alle

auf theaterderzeit.de

- Anzeige -

Autorinnen und Autoren des Verlags

A - Z

Bild von Joachim Fiebach

Joachim Fiebach

Bild von Ralph Hammerthaler

Ralph Hammerthaler

Bild von Gunnar Decker

Gunnar Decker

Bild von Etel Adnan

Etel Adnan

Bild von Hans-Thies Lehmann

Hans-Thies Lehmann

Bild von Kathrin Röggla

Kathrin Röggla

Bild von Michael Schindhelm

Michael Schindhelm

Bild von Dirk Baecker

Dirk Baecker

Bild von Sasha Marianna Salzmann

Sasha Marianna Salzmann

Bild von Lutz Hübner

Lutz Hübner

Bild von Wolfgang Engler

Wolfgang Engler

Bild von Bernd Stegemann

Bernd Stegemann

Bild von Nis-Momme Stockmann

Nis-Momme Stockmann

Bild von Friedrich Dieckmann

Friedrich Dieckmann

Bild von Milo Rau

Milo Rau

Bild von Heiner Goebbels

Heiner Goebbels

Bild von Josef Bierbichler

Josef Bierbichler

Bild von Falk Richter

Falk Richter